Gelsenkirchen. Das riesige Konzert-Instrument soll nach zehn Jahren Einlagerung für 1 Euro den Besitzer wechseln und 2018 in einer Papenburger Kirche erklingen.
1927 wurde das Konzertinstrument von den Orgelspezialisten aus dem Hause Walcker für das Hans-Sachs-Haus kreiert. Die Orgel wurde bis 2002 bespielt. Ihr Klang setzte über Jahrzehnte Maßstäbe.

2007 wurde sie nach der General-Restaurierung auf Basis der Originalpläne durch die Fachfirma Seifert schließlich in Kevelaer eingelagert. Für das Hans-Sachs-Haus stand damals nach langen Debatten die Radikal-Erneuerung an. Die denkmalgeschützte Fassade blieb, das Innenleben wurde völlig neu gestaltet. Früh war klar: Für die von vielen Gelsenkirchenern geschätzte Riesen-Orgel mit 92 Registern und 7262 Pfeifen wird sich kein neuer Platz im Haus oder in der Stadt finden.
36.000-Einwohner-Stadt an der Ems
2017 nun scheint das Ende einer langen Hängepartie in Sicht: Die Walcker-Orgel kann künftig in der Pfarrei St. Antonius in Papenburg installiert werden. Vorbehaltlich, der Rat der Stadt folgt in der Sitzung am 18. Mai dem Vorschlag der Verwaltung und gibt den Weg frei. Zweite Hürde: In der 36 000 Einwohner-Stadt an der Ems müssen Gemeinde, Stifter und Förderer das Millionen-Projekt stemmen können.
Pfarrer Franz Bernhard Lanvermeyer ist optimistisch, dass es 2018 an die Umsetzung des ehrgeizigen Vorhabens gehen kann. „Wir freuen uns“, sagt er gegenüber der WAZ und ist sicher: „Die Orgel ist ideal für unseren Kirchenraum. Experten haben uns versichert, dass es gehen wird.“
Kulturausschuss beauftragt Verwaltung mit Verkauf

Der Kulturausschuss hatte die Verwaltung 2016 mit dem Verkauf des Instruments beauftragt. Die katholische Kirchengemeinde St. Antonius in Papenburg zählte zu den drei Kaufinteressenten und konnte zuletzt alleine mit einem konkreten Finanzierungsplan aufwarten. „Es wurde ein detaillierter Einbauplan architektonisch und orgelfachlich erarbeitet. Die Wege für die Finanzierung der rund einer Million Euro für Umbau, Einbau und Intonation sind geebnet. Insofern könnte bei Zustimmung zum Verkauf direkt und konkret mit dem Projekt begonnen werden“, macht die Stadtverwaltung deutlich.
Geplant ist, die historische Konzertorgel öffentlichkeitswirksam in die „europäische Orgelstraße“ einzubinden, die von Schwerin über Bremen, Verden und Emden bis in die Niederlande führt.
Eigentumsübergang ist zum 1. Januar 2056 vorgesehen

Die Stadt Gelsenkirchen will die Walcker-Orgel zu einem symbolischen Preis von einem Euro an die Pfarrei verkaufen, der Eigentumsübergang ist erst zum 1. Januar 2056 vorgesehen. Dann ist das Instrument in der Bilanz „vom Wert her endgültig abgeschrieben. Bis dahin gehört es auf dem Papier noch uns“, erklärt Stadtsprecher Martin Schulmann. Die Kirchengemeinde wird die Nutzungsrechte als Besitzer erhalten, während bis zum Ende der Abschreibungsperiode das Eigentum bei der Stadt Gelsenkirchen verbleibt. Vertraglich vorgesehen ist, dass bereits ab Besitzübergabe sämtliche Rechte und Pflichten in Zusammenhang mit der Orgel sowie eventuell entstehende Folgekosten von der Kirchengemeinde Papenburg zu tragen sind. Bislang zahlt die Stadt einen hohen vierstelligen Betrag jährlich für die fachgerechte Einlagerung.
Die Papenburger Kirche ist so groß wie mancher Dom und bietet den Raum, dass Woche für Woche bis zu 1000 Menschen den Orgel-Klängen lauschen können. Die bisherige, recht kleine Orgel, 1970 ursprünglich als „Provisorium“ eingebaut, ist laut Lanvermeyer „nach fast 50 Jahren abgängig“.
217 Kilometer liegen zwischen den beiden Städten. Rund 250 000 Touristen besuchen pro Jahr Papenburg. Haupt-Anziehungspunkt dort ist die Meyer-Werft als renommierter und riesiger Bauplatz für europäische Kreuzfahrtschiffe.
In den vergangenen Jahren traten immer wieder Orgelliebhaber mit Ideen und Vorschlägen an die Stadt heran, wer die Orgel wo nutzen könne. „Selbst da, wo die akustischen Voraussetzungen gegeben waren, scheiterte dies meist an nur vagen finanziellen Hoffnungen auf Sponsoren oder öffentlichen Förderungen für die Kosten von Einbau, Intonation und Konzertprogramm“, so die Verwaltung deutlich.
Viel Kreativität und Arbeit investiert
„Wir fühlen uns dem Instrument verpflichtet und haben gleichzeitig eine Verantwortung vor ihm und vor den Menschen, die viel Kreativität und Arbeit in den Bau und die Restaurierung der Orgel gesteckt haben“, betont Dr. Volker Bandelow, Leiter des Kulturreferats der Stadt. „Daher haben wir immer nach einem Ort gesucht, an dem das Instrument mit seinem überwältigenden Klang strahlen kann.“ In Papenburg, ist er sicher, habe man genau „diesen Raum gefunden – und gleichzeitig in erreichbarer Nähe für Gelsenkirchener Orgelliebhaber.“
Auch jenseits des normalen Kirchenbetriebs soll die Orgel in regelmäßigen Konzerten erklingen können. Außerdem wird der neu eingestellte Organist die Orgel – wie schon aktuell die alte Orgel – für die Ausbildung von Organisten nutzen.
Text: Jörn Stender, Fotos: Stadt Gelsenkirchen, St. Antonius Papenburg

