Jan Liebermann spielt an der Walcker-Orgel
Gerade 20 Jahre alt ist Jan Liebermann – und gilt schon als einer der vielversprechendsten Organisten. Mehrfach wurde der junge Mann aus Oberfranken bereits prämiert, nicht nur in Deutschland. Mit seinen Konzerten ist er international unterwegs – und kommt nun Ende August in die St.-Antonius-Kirche nach Papenburg. Dort spielt er an der Walker-Orgel, der größten heute in Deutschland noch erhaltenen Orgel aus der Weimarer Republik. Warum er das Instrument so liebt, erklärt er im Interview des Kirchenboten.
Ende August geben Sie an der Walcker-Orgel ein Konzert in der St.-Antonius-Kirche Papenburg. Worauf freuen Sie sich bei diesem Auftritt am meisten?
Ich freue mich zum einen sehr darauf, im Rahmen des Musikfestes Bremen 2026 auftreten zu dürfen – insbesondere auch als Preisträgerkonzert im Zusammenhang mit dem Deutschlandfunk Kultur Förderpreis, den ich im vergangenen Jahr erhalten habe. Zum anderen ist die Walcker-Orgel in der St.-Antonius-Kirche in Papenburg ein außergewöhnliches Instrument. Die klanglichen Möglichkeiten eines so hochwertigen, großen Instruments sind nahezu grenzenlos. Dafür habe ich ein Programm gewählt, das in seiner Emotionalität, Tiefgründigkeit, und Spiritualität, aber auch in seiner belebenden Kraft kaum zu überbieten ist. Eine solche Kombination aus Instrument, Raum und Programm bietet die wunderbare Möglichkeit, sich musikalisch und emotional vollkommen einzubringen – darauf freue ich mich ganz besonders.
Und auf welche Stücke dürfen sich die Gäste freuen?
Das Programm beginnt mit der Passacaglia c-Moll BWV 582 von Johann Sebastian Bach – einem seiner bedeutendsten Werke. Gleich zu Beginn setzt dieses Stück ein starkes Ausrufezeichen: Es baut sich mit großer Intensität auf und kann einem regelrecht den Atem nehmen, getragen von einem ostinaten Kreuzmotiv. Außerdem stehen zwei wasserbezogene Choralvorspiele auf dem Programm: „An Wasserflüssen Babylon“ BWV 653 und „Christ, unser Herr, zum Jordan kam“ BWV 684 – beide eindrucksvolle Beispiele für Bachs religiöse Ausdruckskraft.
Es folgt eine der spektakulärsten Transkriptionen des Orgelrepertoires: die Ouvertüre aus Mendelssohns „Paulus“ in der Bearbeitung von W. T. Best, die eindrucksvoll zeigt, wie orchestral die Orgel klingen kann. Eine meditative Klangwelt eröffnet anschließend Louis Vierne mit seinem „Clair de lune“ aus den Fantasiestücken – eine impressionistische Hommage an Debussy, die Mondlicht und vorbeiziehende Wolken atmosphärisch einfängt. Den Abschluss bildet Franz Liszts monumentale „Fantasie und Fuge über den Choral Ad nos, ad salutarem undam“ – ein opulentes Werk von enormer emotionaler Tiefe und architektonischer Größe.
Sie sind gerade 20 Jahre alt und schon ein sehr gefragter Organist. Wie war Ihr Weg zur Musik?
Begonnen habe ich ganz klassisch mit der Blockflöte – allerdings mit eher mäßigem Erfolg. Deshalb bin ich relativ schnell zum Klavier gewechselt, wo ich mich zunächst sehr wohlgefühlt habe. Mit sieben Jahren begann ich ernsthaft Klavier zu spielen. Irgendwann setzte ich mich dann eher zufällig an die Orgel – zunächst einfach aus Neugier. Gleichzeitig habe ich jedes Jahr im Frankfurter Dom das Weihnachtskonzert gehört, und auch meine Mutter hat eine nebenberufliche, organistische Vergangenheit. So entwickelte sich der Weg zur Orgel ganz natürlich. Von Anfang an hat mich das Instrument fasziniert, und mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich darin meine eigene musikalische Stimme gefunden habe.
Warum gerade die Orgel?
Die Orgel ist für mich eines der komplexesten und zugleich faszinierendsten Instrumente überhaupt. Sie bietet noch einmal ganz andere Möglichkeiten als das Klavier. Jede Orgel ist ein Unikat – sie ist individuell gebaut und eng mit dem jeweiligen Raum verbunden. Kein Register klingt identisch, selbst wenn es den gleichen Namen trägt. Bauweise, Materialien und Akustik schaffen immer neue Klangwelten. Besonders beeindruckt mich die Vielfalt: von historischen Instrumenten über die deutsche und französische Romantik bis hin zu modernen Orgeln mit nahezu unbegrenzten Möglichkeiten.
Wo treten Sie lieber auf – in Kirchen oder Konzertsälen?
Das lässt sich schwer entscheiden, denn beide Orte haben ihre eigene besondere Atmosphäre. Die Orgel ist traditionell eng mit der Kirche verbunden, und die dortige Akustik trägt das Spiel oft auf eine ganz besondere Weise. Viele Werke entfalten ihre Wirkung erst in einem solchen Raum. Im Konzertsaal hingegen ist die Akustik deutlich klarer und direkter – jedes Detail wird hörbar, nichts verschwimmt. Außerdem ist der Organist dort sichtbar auf der Bühne, was eine andere Verbindung zum Publikum ermöglicht.
In der St.-Antonius-Kirche in Papenburg werde ich vom zentralen Spieltisch aus spielen – das Publikum kann also auch zuschauen, was ich sehr schätze.
Sie spielen Ihr Programm auswendig – dazu gehören sicher viel Disziplin und Probenzeit. Haben Sie neben der Musik noch Zeit für andere Hobbys?
Natürlich erfordert das Auswendigspielen viel Disziplin und intensive Vorbereitung. Die Musik nimmt jedoch einen sehr großen Raum in meinem Leben ein. Durch meine Konzerttätigkeit bin ich viel unterwegs – in Zügen, Flugzeugen und Autos. Gleichzeitig empfinde ich das als große Bereicherung, weil ich viele Menschen kennenlerne und unterschiedliche Eindrücke sammle.
Mein größtes „Hobby“ ist es tatsächlich, das Leben bewusst zu genießen und den Austausch mit Freunden und Familie zu pflegen – auch wenn das oft nur telefonisch möglich ist.
Sie spielen vor allem klassische Musik – was fasziniert Sie daran?
Die klassische Musik ist für mich die Grundlage von allem. Sie ist eine Sprache, die man lernen muss – und je tiefer man in sie eintaucht, desto faszinierender wird sie.
Für mich kann schon ein einziges Werk von Johann Sebastian Bach eine ganze Welt eröffnen. Im Vergleich dazu wirkt vieles aus der heutigen Musiklandschaft weniger tief ausgearbeitet. Gerade deshalb ist es mir wichtig zu zeigen, wie viel Ausdruckskraft, Tiefe und Genialität in dieser Musik steckt – auch wenn sie auf den ersten Blick „alt“ erscheinen mag.
Warum schätzen Sie die Werke von Bach so besonders?
Ich bezeichne Bach gerne als den „lieben Gott der Musik“. Jeder Ton sitzt an genau der richtigen Stelle.
Er hat eine unverwechselbare musikalische Sprache geschaffen, die man sofort erkennt. Seine Musik wirkt trotz ihres Alters erstaunlich frisch, sie kann tief berühren, Kraft geben und gleichzeitig eine unglaubliche innere Ordnung vermitteln. Für mich ist Bach in sich vollkommen – seine Werke bilden einen geschlossenen Kosmos, dem nichts fehlt.
Bachs Werk ist stark von seiner Frömmigkeit geprägt. Spielt das für Sie auch eine Rolle?
Bach hat seine Werke nicht ohne Grund mit „Soli Deo Gloria“ versehen. Für mich ist es kaum vorstellbar, dass ein Mensch ohne eine tiefe spirituelle Verbindung ein solches Lebenswerk schaffen kann. Diese Dimension spürt man in seiner Musik. Sie trägt eine religiöse Tiefe in sich, die mich persönlich sehr berührt und erfüllt.
Sie haben gerade Ihr Abitur gemacht und studieren in München. Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Ich habe zunächst Kirchenmusik studiert, konzentriere mich inzwischen aber stärker auf mein künstlerisches Orgelstudium, da meine Konzerttätigkeit sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Mein Ziel ist es, die Musik – insbesondere die Orgelmusik – in ihrer ganzen Vielfalt einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
Einen festen Fünfjahresplan habe ich nicht. Mir ist wichtig, gesund zu bleiben, weiterhin international zu konzertieren, neue Instrumente kennenzulernen, die Welt zu entdecken und meine Begeisterung für diese Musik mit anderen Menschen zu teilen.
Interview: Petra Diek-Münchow (Kirchenbote), Foto: Max Lautenschläger


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