Ems statt Emscher: Gelsenkirchens Wunderorgel klingt wieder

Ems statt Emscher: Gelsenkirchens Wunderorgel klingt wieder

Gelsenkirchen/Papenburg. Die Walcker-Orgel aus dem Hans-Sachs-Haus, Baujahr 1927, feiert ihr Comeback in Papenburg. So erlebten Gelsenkirchener das Instrument im Emsland.

Dieses Comeback war weit über eine Dekade lang nicht abzusehen. Der Walcker-Orgel aus dem einstigen Konzertsaal des Hans-Sachs-Hauses, wegen ihres symphonischen Klangs als „Wunderorgel“ gefeiert, schien keine klangvolle Zukunft mehr beschieden. Doch es kam (bekanntlich) anders: Im emsländischen Papenburg wurde das riesige Instrument jetzt mit einem Festakt und – coronabedingt – zwei Konzerten eingeweiht. Organist Christian Schmitt interpretierte mit dem Ensemble German Brass Werke für Bläser und Orgel. Unter den Zuhörern am Premierentag: etliche Gelsenkirchener. Und auch nach nach der Einweihung hat es schon Besucher von der Emscher an die Ems gezogen. Zuletzt Sonntag die Frauenunion und den Evangelischen Arbeitskreis der CDU.

Für die Gelsenkirchener Variationen des Steigerlieds als Zugabe

Raumfüllend: Eine der größten Orgeln in Niedersachsen ist nun Teil der „europäischen Orgelstraße“. Die katholische Kirchengemeinde St. Antonius in Papenburg erwarb das Instrument..     
Raumfüllend: Eine der größten Orgeln in Niedersachsen ist nun Teil der „europäischen Orgelstraße“. Die katholische Kirchengemeinde St. Antonius in Papenburg erwarb das Instrument..     © Unbekannt | Manfred Wieczorek

Werke von Bach bis Mozart waren beim Konzert zu hören und als Zugabe – ein „Zückerchen“ für die Gelsenkirchener Besucher – Varianten des Steigerlieds. „Diese Orgel ist ein Fundus. Das war wirklich ein tolles Konzert“, berichtet Annelie Hensel, CDU-Ratsfrau und lokale Vorsitzende der Frauenunion nach dem Ausflug mit gut 30 Personen ins Emsland. Die 76-Jährige hat noch „den Klang der Orgel im Konzertsaal“ des Hans-Sachs-Hauses in Erinnerung. In der Kirche, findet sie nun, käme sie perfekt zur Geltung. „Das klingt schon doll, das muss man sagen. Ich denke, die Papenburger haben auch ein Stück weit in die Zukunft investiert.“

Eigentlich war diese Eröffnung mit großem Publikum bereits im vergangenen Sommer geplant. Die Corona-Pandemie zerschlug die Pläne. „Eigentlich passen 800 Gäste in unsere Kirche. Da wir nicht absehen konnten, wie sich die Corona-Inzidenzzahlen entwickeln, haben wir das Eröffnungskonzert nur mit 150 geladenen Gästen geplant“, so Franz Bernhard Lanvermeyer, der Pfarrer der Pfarrei St. Antonius Papenburg, die der Walcker-Orgel eine neue Heimat geboten hat.

Für die Saalorgel war nach der Sanierung kein Platz mehr im Hans-Sachs-Haus

Die Stadt Gelsenkirchen verkaufte 2019 die historische Konzertorgel, für die sich nach dem Umbau des Haus-Sachs-Hauses kein Platz mehr fand, zu einem symbolischen Preis von einem Euro ins Emsland. Die katholische Kirchengemeinde St. Antonius in Papenburg zählte ab 2017 zu den drei Kaufinteressenten und konnte zuletzt alleine mit einem konkreten Finanzierungsplan aufwarten. 

Ein Schnäppchen war die „Königin der Instrumente“ damit nicht: Die Gemeinde brachte für die Installation der Orgel rund eine Million Euro auf, erheblich investiert werden musste zudem in nötige bauliche Veränderungen in der Kirche. Die Walcker-Orgel mit ihren 92 Registern und 7262 Pfeifen ist nun eine der größten Orgeln in Niedersachsen. Sie wird in Papenburg Teil der „europäischen Orgelstraße“ von Schwerin über Bremen bis in die Niederlande. Das Instrument ist heute das einzige noch erhaltene Exemplar dieser Größe aus der Weimarer Republik.

Im August 1949 war die Orgel in Gelsenkirchen wieder konzertbereit

Kantor Karl-Heinz Obernier spielte das Instrument im Hans-Sachs-Haus und stimmte auch die Neueinrichtung des Instruments im 1955 umgestalteten Konzertsaal ab.
Kantor Karl-Heinz Obernier spielte das Instrument im Hans-Sachs-Haus und stimmte auch die Neueinrichtung des Instruments im 1955 umgestalteten Konzertsaal ab.© Unbekannt | Stadt Gelsenkirchen

Für Gelsenkirchen wurde von dem seinerzeit international erfolgreichsten Orgelbauunternehmen E. F. Walcker & Co. angefertigt. Das Eröffnungskonzert im neu erbauten Hans-Sachs-Haus fand am 15. Oktober 1927 statt, damals erklang das Orgelkonzert in d-moll von Georg Friedrich Händel. Um die Orgel im Zweiten Weltkrieg vor Zerstörungen zu schützen, wurde sie zur Sicherheit nach Büren bei Paderborn ausgelagert. So überstand sie schadlos im März 1945 die Bombenangriffe auf das Rathaus. Im August 1949 war die Orgel in Gelsenkirchen wieder konzertbereit.

Die Umgestaltung des Konzertsaals im Hans-Sachs-Haus 1955 führte dazu, dass die Akustik des Saals und der Klang der Orgel nicht mehr perfekt harmonieren wollten. Erst nach jahrelangen Umbauten mit fachlicher Begleitung von Kustos Karl-Heinz Obernier wurde dass Zusammenspiel wieder perfekt – bis zur nötigen Sanierung des HSH. Zwar wurde auch die Walcker-Orgel von 2003 bis 2007 umfassend restauriert, doch im neuen Rathaus fand sie keinen Platz mehr. Sie wurde sang- und klanglos in Kevelaer eingelagert.

Freier Eintritt für Gelsenkirchener

„An jedem dritten Sonntag in Monat laden wir ab 17 Uhr zum kostenfreien Orgelkonzert mit freiwilliger Spende ein. Das jeweilige Programm ist vorab auf der Internetseite unserer Pfarrei, kirchenmusik-papenburg.de einzusehen. Dabei gibt es nicht nur klassische Orgelmusik, sondern auch Stummfilme mit Orgelmusikuntermalung zu erleben“, betont St. Antonius-Pfarrer Lanvermeyer. Sobald die Platzlimitierung bei Bezahl-Konzerten wieder aufgehoben werden kann, soll in Papenburg das Versprechen eingelöst werden, dass Gelsenkirchener mit ihrem Personalausweis kostenfreien Eintritt zu allen Konzerten mit der Walcker-Orgel erhalten. So hatte es seinerzeit der Kulturausschuss beschlossen.

Text: Jörn Stender, Fotos: Stadt Gelsenkirchen, Titelfoto: Anna Siebert